Bericht: Kirchberger Kongress zur naturnahen Beweidung

Oktober 2, 2026

Über 200 Weide-Interessierte aus Praxis, Verwaltung, Politik, der Verbändelandschaft und Wissenschaft aus ganz Deutschland kamen drei Tage lang auf Schloss Kirchberg zusammen. Der Kongress war die zentrale Tagung im internationalen UN-Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums in Deutschland, in dem ein Weide-Bündnis aus mehr als 20 Institutionen mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken möchte.

Foto: Rainer Luick

Der große Rittersaal des „Hauses der Bauern“ auf Schloss Kirchberg wurde für drei Tage zur Plattform für naturnahe Weidetierhaltung und sorgte für die richtige Atmosphäre, um mit Wissenschaft, Praxis, Verbänden, Politik und Verwaltung ins Gespräch zu kommen. In Fachvorträgen unterstrichen Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen die große Bedeutung der naturnahen Beweidung als Multifunktionstool für die Erfüllung zentraler politischer Ziele, z.B. das globale Kunming-Montreal-Biodiversitätsabkommen sowie das Pariser Klima-Abkommen, die EU-Wiederherstellungsverordnung, die europäische Wasserrahmenrichtlinie, die FFH-Richtlinie und Natura 2000 mit den entsprechenden nationalen Instrumenten.

Die verschiedenen Akteure diskutierten interdisziplinär in 16 Fachforen unter anderem über politische Strategien zur Stärkung der Weidetierhaltung, über politische (Förder-)Perspektiven und über umsetzungsförderndes, sektorübergreifendes Verwaltungshandeln. Deutsche Leuchtturmprojekte mit kreativen Lösungsstrategien und der Blick über den eigenen Tellerrand in diverse Nachbarländer ermutigten die Teilnehmenden zum „Out of the box-Denken“.

Dass einer der größten Gelingensfaktoren für naturnahe Weidelandschaften das gute Zusammenspiel der verschiedenen Weide-Akteure ist, zeigten mehrere Beispiele guter Praxis auf den Exkursionen. Hier stellten häufig Landrät*innen, Bürgermeister*innen, Vertreter*innen der Fachbehörden und des Landschaftspflegeverbands die Naturschutzbeweidung gemeinsam mit den Weidetierhaltenden vor.

Foto: Johannes Nöfer

Mitgenommen haben die meisten Teilnehmenden viele neue Inputs und Impulse, neue Netzwerkkontakte und ganz viel Rückenwind für ihren Arbeitsalltag. Ein zentrales Ergebnis der Tagung ist zudem die Kirchberger Erklärung zur naturnahen Beweidung, der sich viele der anwesenden Verbände, Organisationen und Institutionen unterstützend angeschlossen haben.

Ein Teil des Redaktionsteams der Kirchberger Erklärung zur naturnahen Beweidung. Foto: Rainer Luick

Politik trifft Praxis: Wie stärken wir die Weidetierhaltung?

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) und der Verein Naturnahe Weidelandschaften (NWL) luden zudem im Vorfeld der Tagung zu einem politischen Abend ein.

Ziel der Veranstaltung war es, dass Politik und Praxis ins Gespräch über die Ausgestaltung der kommenden GAP-Förderperiode und die nötigen Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Weidetierhaltung kommen. Der Einladung waren von Seiten der EU-, Bundes- und Landespolitik Maria Noichl (MdEP/SU), Herbert Dorfmann (MdEP/EVP), Martin Häusling (MdEP/EFA), Artur Auernhammer (MdB/CSU) und Staatssekretär Dr. Andre Baumann (Ba-Wü) gefolgt. Zudem sprach Bundeslandwirtschaftsminister Rainer in einem Grußwort seine Unterstützung aus.

Die Botschaft der anwesenden Weidetierhaltenden (u.a. Christine Bajohr von AERA Land, Gerd Kämmer von der Bunde Wischen eG, und Josef Schmid, Landwirt aus Bayern) war klar: Ohne langfristige und umfangreiche Förderung wird es in Zukunft keine Weidetiere in der Landschaft mehr geben. EU, Bund und Länder seien hier gleichermaßen gefordert, um deutliche Verbesserungen zu erreichen. Sowohl von Seiten der Politik als auch von der Praxis wurde die Gestaltung der kommenden Förderperiode der GAP ab 2028 dabei als das zentrale Element hervorgehoben.

Gefordert wurde daher, die erbrachten Gemeinwohlleistungen und den Mehraufwand für die Betriebe durch eine stärkere Verknüpfung der GAP-Mittel an diese Ziele zu honorieren. Dazu gehören u.a. Mindestbudgets für Agrarumweltmaßnahmen, an Umweltleistungen gekoppelte Flächenprämien, die Finanzierung von Weideinfrastruktur und die Anerkennung des Beitrags der naturnahen Weidetierhaltung für die Wiederherstellung der Natur. Unser Fazit der angeregten Diskussion: Naturnahe Weidelandschaften schaffen Brücken über Parteigrenzen hinweg, zwischen Natur, Landwirtschaft und Gesellschaft, zwischen Wissenschaft und Praxis. Nun liegt es an der Politik, ihren Bekenntnissen auch Taten folgen zu lassen. Das Bündnis wird sich jedenfalls weiterhin für eine angemessene Förderung der naturnahen Beweidung einsetzen – auch über das UN-Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums hinaus.

Von links: Lioba Degenfelder (Moderation), Maria Noichl (MdEP/SU), Herbert Dorfmann (MdEP/EVP), Martin Häusling (MdEP/EFA), Artur Auernhammer (MdB/CSU) und Staatssekretär und Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg Dr. Andre Baumann (Bd. 90/Die Grünen) – Foto: Markus Handschuh